Tramper mitnehmen im Kinderauto

Im letzten Beitrag habe ich mich ja schon auf einen Artikel von Jonas Ratz bezogen. Ich muss es heute leider nochmal tun. In seinem neuesten Artikel „Bei uns wollt ihr nicht mitfahren, liebe Tramper“ – auf Spiegel online beschreibt er, wieso in seinem mit zwei Kindern besetztem Auto, seiner Meinung nach kein Tramper mitfahren will. Er malt sich aus, dass sich der rastahaarige Tramper, den er und seine Frau an der A7 stehen gelassen haben, nach kürzester Zeit wegen Schokoladenschmierereien, Zankereien und Schnullerwurfaktionen seiner Kids fluchtartig aus dem Auto verabschiedet hätte. Ich behaupte Jonas Ratz ist selbst noch nie getrampt und benutzt seine offensichtlich sehr anstrengenden Kinder um eine Ausrede zu haben einen armen Anhalter stehen zu lassen. Ziemlich schlappe Nummer Jonas!

Zugegeben: Bei uns im Auto sieht es aus wie Sau. Überall Krümel, alles liegt durcheinander. CDs mit kinderberuhigenden Liedern stapeln sich in allen Ablagen. Dazwischen Snacks, Tücher und wer weiß, möglicherweise befindet sich unter dem ein oder anderen Sitz ein Komposthaufen, der sich aus den verrottbaren Resten gebildet hat, die sich während der Fahrt regelmäßig ins Nirwana der Fahrerkabine verabschieden. Aber: Das ist nem Tramper alles völlig egal!

Ich stand einmal, damals noch kinderlos, an der besagten A7 als ein Peugeot 106 anhielt. Vollgestopft. Eine Familie aus Eritrea, die seit wenigen Jahren in Deutschland Asyl gefunden hatten waren sich nicht zu fein, ihren mittleren Rücksitz zwischen den beiden Kiddies anzubieten. In der Mitte zwischen dem ca. sechs Jahre altem Mädchen und dem etwa drei Jahre jüngeren Jungen fühlte ich mich von Anfang an wohl. Zumal sie mich reichlich mit ihren Keksen gefüttert haben. Dazu gab es soviel Johannesbeerschorle wie ich trinken konnte und die Eltern erzählten mir ihre spannende Geschichte. In Eritrea gibt es keinen Militärdienst auf Zeit. Soldaten werden einfach in den Dörfern rekrutiert und mitgenommen. Ganz egal ob Papa oder nicht, sie müssen in der Armee dienen, so lange bis sie tot sind. Als mein Fahrer von der Armee abgeholt werden sollte, ist er durch ein Fenster in seiner Lehmhütte mit Kleinkind, Baby und Ehefrau geflohen, durchquerte zu Fuß zahlreiche Minenfelder, die Grenze zum Sudan, ging zu Fuß durch halb Ägypten und landete irgendwann mit einem Schleuserboot in Griechenland. Schließlich mussten sie mit der jungen Familie 16 Monate mit vielen anderen Familien in einem winzigen Raum in einem Asylbewerberheim ausharren ehe der Asylantrag genehmigt wurde. Er fand Arbeit auf einer Baustelle und es reichte zu einem Kleinwagen und zu literweise Johannesbeerschorle. Super hilfsbereit und ohne Ausrede. Schneid dir mal ne Scheibe ab Jonas!

Aus Trampersicht spricht also gar nichts dagegen von einer Familie mit Kleinkindern mitgenommen zu werden. Die meisten Tramper die ich kenne freuen sich sogar sehr. Gestern erst kam ich von einem Trampertreffen zurück – unsere Kleine war mit Mama in Düsseldorf bei einer Freundin – Papa hat sich noch mal studentisch fühlen dürfen. Ich wurde ausdrücklich gebeten, unsere Kleine zum nächsten Treffen mitzubringen. Mache ich, dann campen wir zusammen.

Aber auch als Familie hat man was davon, einen Tramper mitzunehmen. Als ich in Kroatien unterwegs war nahm mich eine allein erziehende deutsche Mutter mit drei Mädchen an Board mit. Für die Mama war es super. Sie konnte endlich in Ruhe fahren und die Mädels konzentrierten ihre Energie voll auf mich. Exezzives Uno spielen, Puppen an und ausziehen und hunderte „Warum“-Fragen geduldig beantworten. Für alle ging die Zeit richtig schnell rum und die Kleinste wollte mich später gar nicht gehen lassen. Ich hätte bei denen durchaus noch im Ferienhaus mit übernachten dürfen. Super, so ein trampender Babysitter.

Liebe Eltern: Tramper gehören in jedes Kinderauto. Also nehmt sie mit! Wenn es dann doch so geht, wie bei der netten italienisches Famile, die mich einst von Stuttgart nach München mitnahm, dann kann man den Tramper ja immer noch rauswerfen. Ich wurde zu einem zweijährigen Jungen auf die Rücksitzbank gesetzt. Ich erklärte ihm viel über die LKW’s die wir überholten, schenkte ihm sogar einen Wachsmalstift, den ich für meine Trampschilder benutzte. Nach einer Weile meinte der Kleinte dann aber zu seinem Papa: „Di, Non!“ – „Der nicht!“. Offensichtlich wollte er lieber mit seinen Eltern alleine sein. Als verantwortungsvoller Mensch respektierte ich den Wunsch des Kleinen und bin an der nächsten Raste ausgestiegen.

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3 Gedanken zu “Tramper mitnehmen im Kinderauto

  1. Toller Artikel! 😀 Die Geschichten hören sich alle nach viel Abenteuer an.
    Schön, wenn man so offen für fremde Menschen ist.
    Ich wünsche dir alles Liebe und ein frohes neues Jahr
    Liebe Grüße
    Marina von ideas4parents

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