Tag am Meer! Ziemlich schwer?

Bei meiner morgendlichen Online-Zeitungs-Mich-auf-den-neusten-Stand-bringe-Runde, fiel mir auf Spiegel Online ein Artikel von Jonas Ratz auf: „Tag am Meer? Ziemlich schwer“. Der junge Vater Ratz war offensichtlich genau wie wir im Urlaub. Am Strand, mit seinen beiden Kindern. Er scheint genauso deutsch zu sein wie wir und so erkenne ich mich in seinem Artikel wieder und nehme es zum Anlass selbst etwas zu unserem Urlaub zu schreiben.

Wir waren in La France. Logischerweise will meine Frau als frankophile Lehrerin, dass ihre Tochter frühzeitig mit der geschmeidigen französischen Sprache in Berührung kommt. Das ist wichtig, denn gerade jetzt macht sie einen geistigen Entwicklungsschub durch. Sie fängt an erste Wörter zu sprechen und es schadet nichts, wenn von Anfang an ein paar französische mit dabei sind. Lustige kindliche Wortneubildungen, die Jonas Ratz in seinem Buch „Trottelini mit Pumasan“ sammelt, sind uns natürlich herzlich willkommen.

Bevor ich Vater geworden bin, habe ich mich oft gefragt wie junge Eltern ihre Kinder so gut verstehen können, wenn diese unverständliches, nicht zusammenhängendes Zeug von sich gaben. Jetzt weiß ich es: Kinder benutzen Codewörter, die nur von den eigenen Eltern verstanden werden können. Unser liebes Mädchen ist besonders clever. Am ersten Strandtag spielten wir natürlich sofort ausgiebig im Sand. Wir haben eine kleine Eiskelle mit dabei gehabt. Damit kann man sozusagen Eiskugeln aus Sand machen. Meine Frau erklärte, dass sie jetzt mit ihr ein Eis aus Sand bauen wolle. Fortan, immer wenn meine Tochter Lust bekam im Sand zu graben, setzte sie sich auf den Boden und forderte lautstark „EIS! …. EIS! EIS!“. Zum Glück waren wir in Frankreich und die vorbeigehenden Öko-Eltern waren der deutschen Sprache nicht mächtig. Wir hätten sicher einen strafenden, bösen Blick geerntet: „Wie kann man seine Tochter mit eineinhalb Jahren schon so mit Eis verwöhnt haben, dass sie selbst am Strand lautstark danach verlangt?“. Für das Wörterbuch: Eis = Ich will im Sand spielen.

Zwei neue Wörter, die unsere Tochter nun in ihrem Repertoire hat sind „Wasser“ und „Stadt“. In Saint-Malo gab es nämlich genau diese beiden Ausflugsalternativen. Morgens, während Mama noch gemütlich duschen durfte, war mit Papa der erste Stadt-Ausflug angesagt. Unser liebes Blümchen forderte dies morgens regelmäßig ein: „Papa, Stadt!“, unterlegt mit einem bestimmenden Kopfnicken. „Get!“ … „Was möchtest du?“ … „Get!“. „Du sollst doch französisch lernen und nicht englisch.“ „Get.“, Kopfnicken. Wer hätte geahnt, dass „Get“ ein französisches Kinderwort ist, welches unsere Tochter aufgeschnappt hat? Es ist die Abkürzung von Baguette und soll mir sagen, dass ich jetzt endlich mit ihr zum Bäcker gehen soll. „Get“ scheint nun aber das Allgemeinwort für Backwaren zu sein, denn das Baguette wurde schnell durch Schokocroissants ersetzt und dafür vom Tisch geworfen. Mit einem Kopfschütteln. „Get“ = Backwaren.

Für Außenstehende kaum zu unterscheiden sein dürfte ihr Wunsch nach „Ama“ sein. Man könnte meinen, dass die Kleine ihre Oma vermisst. Dabei sollte sie mit ihren Eltern, die sie fürsorglich, rund um die Uhr, im Urlaub betüdeln doch zufrieden sein. Eltern, dafür hat unsere Tochter ein Wort, welches so voll von Logik ist, dass es in den Duden gehört: „Mapa“ = Eltern. Mama und Papa in nur einem Wort vereint. Superlogisch. Vielleicht kommt ihr darauf, wenn unsere Tochter in ganzen Sätzen spricht. „Mapa, Wasser. Ama, EIS!“. Ich übersetze: „Liebe Mama, lieber Papa ich möchte gerne an den Strand, meinen Eimer mitnehmen und im Sand spielen.“ Ama = Eimer. Das wichtigste Plastikspielzeug im Urlaub. Völlig umsonst haben wir 13 Kubikmeter Kofferraum mit anderem unnützen Plastikspielzeug vollgestopft. Der „Ama“ hätte gereicht.

Jonas Ratz schreibt außerdem von einer Inflation des Lichtschutzfaktors. Das ist mir tatsächlich auch aufgefallen und ich frage mich, wie ich zu DDR-Zeiten einen Sommerurlaub mit LSF-6 überhaupt überlebt habe. Unsere Tochter bekommt Kindersonnencreme 50+. Dazu ein UV-undurchlässiges Surfer-Shirt. Immerhin haben wir nicht wie Ratz eines mit Entchen drauf, sondern eins mit Streifen. Das macht sogar einen Mama-Kind-Partnerlook möglich. Kriegen meinen Enkelkinder einen Raumanzug am Strand angezogen und werden mit LSF-200+ eingecremt? Die französischen Kinder sind jedenfalls alle einfach so rumgerannt – noch nicht mal einen Hut brauchten die. Schon gemein, unsere Kleine hätte ihren auch nur allzugerne ausgezogen. Aber wir sind Deutsche, da muss alles wie geplant sitzen und es darf kein Risiko eingegangen werden.

IMG-20160809-WA0005
Meine beiden Damen im Partnerlook am Strand

Irgendwann war es dann doch so weit: Unsere Tochter ist zu ihrem ersten richtigem Eis-Erlebnis gekommen. Sie durfte an einem Magnum-Weiße-Mandel lutschen. Danach hätte sie locker mit den französischen Kindern mithalten können. Statt völlig aufgedreht durch die Ferienwohnung zu laufen, hätte sie wie die meisten französichen Kinder einfach bis Mitternacht aufbleiben können. Während wir das Blümchen um acht ins Bett legten, hörten wir auch Stunden später draußen noch französischen Kinderlärm. Dazu ein Artikel vom Stern: „Macht Zucker Kinder hyperaktiv?“. Ja! Ich sage ja! Die französischen Kinder werden mit Schokocroissants und Baisers zugestopft – so dass diese lange durchhalten und die Eltern abends um zehn völlig überteuerte Drei-Gänge-Menüs in sich hineinschaufeln können, während die Kinder immernoch aufgedreht spielen. Zur Not wird eben noch ein bisschen Rotwein eingeflößt – dann merkt das Kind auch nicht, wie es am nächsten Tag am Strand ohne Hut und Sonnencreme langsam verbrennt.

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Tag am Meer! Ziemlich schwer?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s