Die Horrorfahrt

Zwei Wochen Urlaub. Endlich. Die erste Woche wird im Haus geackert, die zweite zur Erholung genutzt. Wir fahren zu meiner Mutter, über 400km. Dort werden wir uns um nichts kümmern müssen und können uns richtig verwöhnen lassen. Kein Stress wegen dem Haus. Kein Arbeitsalltag und Töchterchen wird von der Oma auch noch umsorgt und wir finden Ruhe. Soweit der Plan.

Wieder einmal stellen wir fest, dass wir eigentlich Rabeneltern sind. Elternführerschein – wir wären glatt durchgefallen. In der ersten Urlaubswoche geben wir unsere Tochter in die Kita obwohl wir zuhause sind. So viele Erledigungen haben sich angestaut, da muss so einiges abgearbeitet werden: Ämterbesuche, Business-Outfit für Papa kaufen, Arztbesuch, Garten in Form bringen und so weiter. Damit haben wir eine Ausrede um die Kleine in die Kita „abzuschieben“. Gemein oder? Und dann auch noch die Wortwahl von mir „abzuschieben“. Aber die Kleine fühlt sich sehr wohl in der Kita. Sie lernt dort sich durchzusetzen. Während andere Kinder auch lernen sich in der Kita unterzuordnen, baut unsere Tochter dort ihr „Ich bin hier der Chef“-Gen aus. Ich wette, sie wird mal Anführerin einer Mädchengang. Eine rechte Hand und Freundin hat sie auch schon in der Kita. Beim Mittagessen wird dann das Essen der anderen Kinder erpresst. Schnell ist sie mit ihrem eigenen Teller fertig, dann macht sie sich über das Essen der anderen her. Ganz der Papa – ich bin so stolz. In der Schule sind dann sicher die Handys der Mitschüler dran, in der Pubertät dann die Brieftaschen.

Viel zu Essen fordert Blümchen auch zuhause ein. Wir wollten ihr das Wort „Banane“ beibringen. Seitdem verwendet sie „Nane Nane“ für alles was essbar ist und vor Allem um uns zu sagen: „Ich will mehr!“. So auch vor der Abfahrt zu meiner Mutter. Erst hat sie eine Scheibe Brot gegessen. „Nane Nane.“ Also noch einen Joghurt. „Nane NANE“. Gut noch zwei Kekse hinterher. „NAANE NAANE“ – diesmal also eine richtige Banane – vielleicht hat sie das Wort ja doch verstanden. „NAAAAANNNNEEE“ – Ein bisschen Nudeln mit Tomatensoße haben wir noch anzubieten. „NAAANE, NAAAAAANE.“ Jetzt reichts uns, ab ins Auto wir fahren. Es ist kurz nach sechs und zur Beruhigung und zum Einschalfen reichen wir ritualgemäß eine Falsche Milch. Klappt auch alles wunderbar.

Es ist nicht besonders clever am Gründonnerstag abends, wo alle in den Osterurlaub wollen eine Mammutfahrt mit Kleinkind anzutreten. Aber alles kein Problem. Die Kleine schläft im Auto ja sowieso. Klappt normalerweise immer, vor allem wenn kein Stau ist. Logischerweise ist am Gründonnerstag überall Stau. Wir biegen bei Karlsruhe auf die A8 ein und Stoßstange an Stoßstange schieben sich gestresste, urlaubsreife, gutverdienende Vollzeitangestellte in ihren SUV’s den Osterferien entgegen. Für viele, im normalen Leben total vernünftige Leute, beginnt mit dem Besteigen ihres Autos das bitter benötigte Aggressionsabbautraining. Hupen, egal ob optisch oder mit Sound, Drängeln, nörgeln, schlicht und ergreifend die Sau rauslassen. Solche Leute, gepaart von Sirenen und Scheinwerferlicht sowie regelmäßigem Anfahren und Bremsen lassen unsere kleine Gang-Anführerin bei Pforzheim erwachen. Schweißgebadet. Wir Rabeneltern hatten sie viel zu dick angezogen. Der Husten der gerade verschwunden war, begann durch das Schwitzen erneut. Wisst ihr eigentlich was „Würfelhusten“ ist? Genau, Husten mit Erbrechen und das mitten im Stau wo man nicht rausfahren kann. Alles nass. Alles stinkt – armes Kind hustet, jammert und weint und von der taffen Gangsterbraut ist nicht mehr viel übrig. Jetzt ist man gerne wieder Kleinkind und darf es auch sein. Wir fühlen uns so schuldig. Und der Magen vom Vielfraßkind ist immer noch nicht leer. Endlich kann ich raussfahren. Ein stinkender, überfüllter Parkplatz. Meine Frau säubert die Kleine notdürftig und zieht sie um. Wir haben keine Handtücher dabei. Im Radio werden weitere 15km Stau angesagt. Was sollen wir nur tun? Wieder zurück auf die Autobahn. Stau. Anfahren, bremsen, anfahren, husten, bremsen, sich übergeben, anfahren – wieder auf den nächsten Parkplatz. Jammern, weinen, umziehen und dann passiert das, was die Stimmung urplötzlich ins Positive umkippen lässt. Ein anderer Reisender geht auf dem Parkplatz mit seinem Hund spazieren. Ein Hund ist das Tollste was unserer Tochter passieren kann. Ebend noch weinend und pitschnass vom Erbrochenen, zeigt sie histerisch quietschend auf das kleine Tier und lacht und freut sich einfach nur noch. Danach gehts weiter auf die Autobahn und die Kleine schläft ein. Sie träumt vom „Wau Wau“ und ich kann durchfahren. Kurz vor Mitternacht kommen wir an. Alles wird gut.

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Highlight beim Stadtbesuch

Die Hälfte der Kinderklamotten muss am nächsten Tag gewaschen werden und dann beginnt eine Woche Wiedergutmachungs-programm bei Oma. Es gibt Lammhackse – genau das richtige für unser Leckermäulchen – da wird wieder ordentlich reingehauen. Spätzle mit Soße. Einen ganzen Teller. Super! Dann durfte sie sogar zwei Hunde in der Fußgängerzone streicheln und im Zoo waren wir auch noch. Jeden Tag Ausflüge mit Oma, Mama und Papa zusammen – für die Kleine einfach super. Wir merkten richtig wir sehr sie das genoß und sie uns die Horrorfahrt schnell verziehen hat. Dann waren wir auch noch im Kindergarten, wo meine Mutter arbeitet. Highlight – bei einem sehr hohen Ausländeranteil unter den Kindern waren auch einige richtige kleine Gangster dabei. Ob sie den türkischen Jungen, der mit seinem Chopper-Laufrad den ganzen Hof aufgemischt hat heimlich angehimmelt hat? Ich glaube schon.

Die Rückfahrt war übrgens zwar lang, aber weniger schlimm. Wir haben einfach die Milchflasche weggelassen. Einen Tipp den ich auch noch allen geben möchte, die mit kleinen Kindern reisen. Milch stinkt im erbrochenen Zustand echt widerlich und man sollte vor der Fahrt deshalb darauf verzichten.

 

 

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2 Gedanken zu “Die Horrorfahrt

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