Die erste Bockphase

Mit etwa eineinhalb Jahren beginnt sie, die erste Bockphase. Unsere Tochter ist aber gerade mal 15 Monate alt. Super, ausgerechnet in diesem Punkt muss sie Frühentwicklerin sein.

Wenn die erste Trotzphase beginnt, raten selbsternannte Experten zur Ruhe. Das Kind kann noch nicht mit seinen Emotionen umgehen und weiß nicht anders mit Enttäuschungen umzugehen. Enttäuschungen? Ich finde es auch enttäuschend, dass ich mir morgens die Schuhe zubinden soll, Zähneputzen ist auch nicht gerade ein Spaß und meinen Eintopf in der Kantine würde ich auch liebend gerne meinem Nachbarn über die Hose schütten, ob der nun schmeckt oder nicht. Stellt Euch vor, ich bekäme in der Mittagspause einen Schreikrampf und würde mich auf den Boden werfen, weil mir mein Chef nicht erlaubt ihn mit Erbsensuppe zu besudeln. Dann käme sogleich eine ältere Dame an, die meinen Chef mit bitterbösen Blicken abstafen würde – „Der arme Junge, Sie sind wirklich ein Rabenchef“, würde sie in ihren ergrauten Damenbart murmeln. Mein Chef würde einsichtig werden und sagen: „Nagut, einmal darfst du mir die kochend heiße Suppe über den Schoß kippen, aber nur ausnahmsweise.“ – Ich werde die Taktik morgen mittag ausprobieren.

In Supermärkten und Fußgängerzonen gibt es Dutzende ältere Damen, die sich auf die Seite des Kindes schlagen und verurteilende Blicke austeilen. „Nagut, dann darfst du die Zigaretten eben haben….“

Die selbsternannte Expertin und Psychologin Doris Heueck-Mauß hat soviel Ahnung vom Thema, dass sie sich gleich im Buch „Das Trotzkopfalter“ über die Thematik, seitenweise ergießen muss. In einem Interview mit der Süddeutschen schlägt sie vor: „Verbale Appelle während eines Wutanfalls sind für die Katz, die kommen erst bei Vierjährigen an. Und die machen auch dicht, wenn eine bei Eltern so beliebte Wenn-dann-Drohung folgt. Kleinkinder sollte man lieber in den Arm nehmen und trösten, schließlich werden sie von ihren Gefühlen regelrecht überfallen.“ Das kann ich gerne mal probieren, wenn es bei uns abends um das Einschlafen geht. Sobald ich wieder das Kinderzimmer betrete und die Kleine auf den Arm nehme, wird es nur umso schwieriger sie danach nochmal hinzulegen. Der nächste Trotzanfall ist dann vorprogrammiert. Gut funktioniert es hingegen sie mal drei Minuten lang trotzen zu lassen. Meist ist es danach auch gut und sie schläft ein. Wichtig ist es, dem Kind außerhalb der Bockphasen zu zeigen, dass man es lieb hat. Wenn der Bockanfall vorbei ist, auf den Arm nehmen und trösten. Ansonsten kann man auch ruhig mal bocken lassen, finde ich. Meine Frau und ich können sehr wohl unterscheiden, ob es sich um Schreien weil wirklich was ist, oder um reines Bocken handelt. Tunlichst lassen sollte man das allerdings bei Säuglingen. Ein Baby was schreit gehört auf den Arm genommen. Bei einem eineinhalbjährigen Kind, was ganz offensichtlich einfach keine Lust hat sich die Schnudelnase abwischen zu lassen ist das etwas anderes. Lest dazu auch meinen Artikel „Einflussreiche Nazipädagogik“. Wirklich lesenswert zum Thema ist der Blogbeitrag aus dem Schweizer Tagesanzeiger von Nadia Meier, die sich auf herrlich amüsante Weise über den Erziehungspsychologen Jesper Juul lustig macht. Unbedingt lesen!

Ich glaube wir haben noch keinen Grund uns zu beschweren. Nach hinten werfen, strampeln, schreien. Alles ganz normal. Lustig wird es erst, wenn es soweit kommt wie bei unseren ehemaligen Nachbarn. Da hat das Kind einfach solange die Luft angehalten bis es blau wurde um seinen Willen durchzusetzen. Wenn das noch nicht gereicht hat, mit dem Kopf gegen die Terassentür geschlagen, dass die fast zerbricht und wenn das immer noch nicht reicht, dann muss man sich eben mit kräftigen Bissen wehren und seinen Unmut äußern. Gewalt ist bei uns bisher nur morgens im Spiel, wenn die Kleine nachts nicht mehr in ihr Bett wollte, sie wach geworden ist und der Bock so übermächtig stark wurde, dass wir sie lieber mit zu uns ins Bett genommen haben. Sobald es draußen ansatzweise dämmert wird sie wach und klatsch dem Papa breit grinsend voll eine aufs Auge. „Guten Morgen Papa.“, „Guten Morgen mein Schatz, ich habe dich sehr sehr lieb.“

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Superbock-Bier gegen die erste Bockphase

Ich habe indessen eine Gegeninitiative für mich gestartet. Ich habe jetzt auch eine Bockphase. Eine Bockbierphase. Ein kühles Superbock eignet sich hervorragend um vom Geschrei und Gestrampel runter zu kommen und ist toll um danach auf der Couch einzupennen. Zugegeben: Sexy ist das nicht.

Jetzt suche ich nur noch was für meine Frau. Ein Bockspringbett? Boxershorts oder eine Reise auf das Landgut Bocken? Bockshornkleesamen? Keine Ahnung es wird schwierig.

Übrigens, das Bild ist mit meiner Handycam aufgenommen. Man sieht schon das die total verschmiert ist. Die Kleine liebt das Handy, es ihr wegzunehmen erzeugt einen neuen Superbock und deshalb lass ich sie manchmal damit spielen – Konsequenz: Cam verschmiert und verkratzt. Die Superbockphase fordert erste Opfer.

 

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