Rolf Zuckowski, du hast mein Leben zerstört

Tocotronic, die von mir mit Anfang zwanzig rauf und runter gehört wurden, haben es in ihrem Lied „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“ schon besungen. In dem Song behaupten sie: „…mit den Eltern aller Schichten willst du uns vernichten.“ Doch Tocotronic liegt falsch. Der wahre Übertäter heißt nicht Michael sondern Rolf und schreibt keine Bücher, er macht Musik. „Dirk von Lowtzow, du hast dich schrecklich geirrt“, so könnte das Lied auch heißen.

Mit ihren 14 Monaten ist unsere Tochter schon Musikliebhaberin. Sie schaltet selbstständig die Stereoanlage ein und fängt an zu der Musik zu tanzen, völlig egal welche Musik abgespielt wird. Tanzen, das ist in erster Linie mit dem Kopf wackeln. „Moschen“ würde es Thees Uhlmann vermutlich nennen. Die Kleine hat nur ein Problem: Sie kann die CD nicht wechseln und ist so schutzlos dem ausgeliefert, was Papa, Mama, Oma, Opa oder Freunde und Besucher in den Spieler legen.

Von Freunden und Verwandten kriegt ein junges Kind ständig Geschenke. Besonders dann, wenn es der erste Nachwuchs im engeren Umfeld ist. Gut gemeint bekommt so ein süßes Kindchen auch besonders süße Kinder-CDs und da ist Rolf einfach Marktführer. Rolf Zuckowski ist die Lady Gaga der Kindermusik und unsere Tochter findet das gut – zufrieden läuft sie wieder zum CD-Spieler und hört sich noch eine Runde Welthits wie „Im Kindergarten“ an.

Ich werde auf musikalisch bessere Zeiten warten müssen. Musikgeschmack einwickelt sich erst im Grundschulalter. Wahrscheinlich in der zweiten Klasse. Der Musikpsychologe Reinhard Kopiez hat das in einer umfangreichen Studie rausgefunden. Jetzt werden einige sagen: „Junge, wenn du mit Anfang zwanzig Tocotronic hoch und runter gehört hast, musst du wohl die zweite Klasse übersprungen haben.“ Hab ich nicht. Was soll ich sagen, ich bin in der ehemaligen DDR geboren, wir hatten ja nichts und von nichts kommt nichts, auch kein Musikgeschmack.

Was ich tun kann ist umschalten und CDs wechseln. Ich biete meiner Tochter gerne etwas anderes an. Sie mag auch gerne Rock ’n Roll oder den Soundtrack von Amelie Poulin – Track 4 lief ja auch beim Einzug in die Kirche auf unserer Hochzeit und da war das geliebte Mädchen schon im Bauch. Klassische Musik gefällt ihr auch gut. Doch ehe ich mich versehe, hat wieder ein Besucher Rolf Zuckowski eingelegt … und Zuckowski läuft und läuft und läuft, fast wie ein VW-Käfer und wie ein Käfer geht der auch ins Ohr.

Ihr habt ja alle meinen vorherigen Beitrag über die ansteckenden Kita-Krankheiten gelesen, oder? Naja, wir haben uns natürlich auch angesteckt. Da liege ich also nachts im Bett und versuche endlich in den allheilenden Vollschlaf zu kommen und da kommt er wieder. Rolf. Diesmal in Gestalt eines Ohrwurmes, der durch die vereiterten Gänge meiner Mittelohrentzündung kriecht und sich schmerzverstärkend mit keinem Medikament der Welt vertreiben lässt. So liege ich mitten in der Nacht krank im Bett (für Männer ist es meist nicht allzuweit bis zum Tod) und statt zu schlafen summe ich innerlich den „Bananenbrotsong“. „Echt knorke Rolf, hast du gut gemacht, bist ein echter Kumpel“, schaffe ich noch zu denken ehe der Song von vorne anläuft.

Was kann man gegen einen Ohrwurm tun? Ich erinnere mich an eine Phase meiner Jugend, weit vor Tocotronic – vielleicht habe ich damals noch Ace of Base gehört, vielleicht war es auch schon in meiner Punkrockphase als mir legendäre Eberswalder Punkgrößen wie „Second Rate“ durch den Kopf gingen. Egal. Damals lief auf dem Berliner Radiosender Fritz eine Mitternachtstalksendung namens „Blue Moon“, die ich oft abends noch im Bett hörte. Ich weiß nicht ob es eine Sendung mit Jürgen Kuttner war, aber es gab damals einen Beitrag zum Thema Ohrwurm. Und Kuttner hatte den ultimativen Ohrwurmkiller dabei. Irgendsoeinen Song von irgendeinem folkloristischem Musiker aus Bangladesch oder Pakistan – jedenfalls spielte ihn Kuttner immer wieder, sobald ein Anrufer sich über einen Ohrwurm beklagte. Egal ob Spice Girls oder Tetris-Melodie der Song holf jedem. Schnell versuchte ich den Song mit meinem Kassettenrekorder aufzunehmen, erwischte aber nur einen kleinen Teil dieses fernöstlichen Heil-Lieds. Natürlich hatte ich mir in meinem pubertären Starrsinn nicht aufgeschrieben wie der Künstler und das Lied hießen.

Es gibt ein Problem. Ich habe diese heilige Audio-Kassette nicht mehr. Selbst wenn, ich hätte keine Möglichkeit mehr sie abzuspielen. Hat irgendwer von Euch zufällig diesen 90er-Jahre Blue Monn gehört, den rein zufällig sogar aufgenommen oder kennt jemanden der bei Fritz im Archiv arbeitet? Bitte helft mir. Meine Cosuine und ich haben immer versucht den Song nachzusingen, wenn einer von uns Ohrwurmprobleme hatte. Wir tauften den Künstler Abraham Brokkoli und nannten den Song „Widehop eh“ — und der geht so: „Hambra sappa de Widehop eh, hambra sappa kostraaaa…. hambra sappa de bie de colonie, hambra sappa de koistraaaaa“ — „Kömma dit bitte ma als Audio ham?“

Anmerkung: Ich habe den Fehler gemacht mir den letzten Link zu lange anzusehen. 10-Stunden Tetris … Dum didel dum didel dum dum dum dum dumm dumm dum, dideldum diedeldum dum dum diedeldum dumm dumm dum dum dum dumm … dieeedellldödel diedeldiieee dööö…. Awww – Abraham Brokoli schnell. Ich kann heute sonst wieder nicht schlafen.

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