Chancengleichheit – ein Mythos

Politiker nehmen es vor Allem in Wahlkampfphasen gern in den Mund, dieses klangvolle, positiv besetzte Wort: „Chancengleichheit“. Egal ob sozialdemokratisch, grün oder links, jeder wirbt gerne damit und groß wird es auf lästigen, überdimensionalen Wahlwerbeplakaten propagiert: „Chancengleichheit.“ Aber wird es für Kinder, ja kann es für Kinder überhaupt jemals Chancengleichheit geben?

Gestern hatten wir unser Taufgespräch. Das ist ein Vorgespräch, bei dem Eltern und Kind gemeinsam mit dem Pfarrer den Prozedere der Taufe durchsprechen, ein paar Hintergründe erklärt werden. Ein Skandal, sollte bei dieser wichtigen kirchlichen Zeremonie irgendetwas nicht nach Plan verlaufen. Sicher kämen wir dann groß auf die BILD-Vatikan: „Eltern in Trierer Kirche bei Taufbashing erwischt“ – oder ist die BILD-Vatikan etwa auf Latein? Ich komme vom Thema ab. Bei dem Taufvorgespräch waren auch zwei andere Mütter, deren Söhne zusammen mit unserem Blümchen am Sonntag getauft werden sollen. Die beiden werden auf hippe amerikanische Vornamen getauft. Wie Forscher in einer Studie rausfinden konnten, werden also am Sonntag bei der Taufe die beiden Jungs schon alleine durch die Namensgebung in der Schule schlechtere Noten erzielen: „Aufgaben, die unter dem Namen Maximilian verfasst wurden, erhielten zum Beispiel eine bessere Bewertung als die gleichen Aufgaben unter dem Namen Kevin“, sagt Professorin Astrid Kaiser vom Institut für Pädagogik – Süddeutsche Zeitung.  Dagegen wird wohl selbst der engagierteste Linke nichts unternehmen können.

Nicht nur die Vornamen werden den beiden in Zukunft zu schaffen machen. Ihre Eltern gewöhnen sie schon frühzeitig an Zucker. Der kleinere von beiden wurde beim ersten winzigen Mucks den er von sich gab sofort mit reinem Multivitaminsaft beruhigt. „Immerhin kein Bier mit Zucker, oder Cola“, dachte ich mir. Die andere Mutter zückte kurze Zeit später ein knallrotes Getränk um ihren Liebling ruhig zu stellen. Folgen sind Karies und Übergewicht – bei der einen Mutter schien dieses allerdings sowieso Familientradion zu sein.

Am Badesee am Wochenende stelle mein Schwippschager einem kleinen Jungen, ca. 8 Jahre alt, übergewichtig, mit rauchenden, Biermixgetränken schlürfenden und arschgeweihentfernten Eltern, eine einfache Frage. Erschreckend wie zurückgeblieben die Sprachentwicklung noch war.

Kann die Politik denn dagegen etwas tun, wenn sich Eltern falsch um ihre Kinder kümmern? Nutzt es was, wenn man Betreuungsgeld gibt, statt die Kinder in kostengünstige Kitas zu stecken, wo sie von anderen Kindern lernen können, wo gut ausgebildete Erzieher auch den Kevins und Sandy’s etwas über gesunde Ernährung erzählen können? Und wird der Junge von der dicken Mutter vom Taufvorgespräch jemals studieren können, wenn er womöglich noch Studiengebühren zahlen muss und ihm vielleicht zuhause die Werte von RTL2 vermittelt werden? Warum sind solche Mütter nicht in den Eltern-Kind-Kursen an der Familienbildungsstätte zu finden? Weil sie Geld kosten? Würden sie da hingehen, wenn die kostenlos wären?

Ich finde das mit der Chancengleichheit ist ein ganz schwieriges Thema. Wenn mir allerdings ein Politiker erzählen will, dass die beiden oben genannten Jungs die gleichen Chancen haben, wie die Kinder eines Akademikerpärchens, dann werde ich mir in Zukunft gedanklich die Taschen zunähen, damit der sie mir nicht voll machen kann.

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