Wir haben ein schlechtes Gewissen

Mit dem zu Bett gehen ist es ja so eine Sache. Wer tut das schon gern? Abends läuft der bessere, spannendere Spätfilm, es ist schon fast Mitternacht und man muss morgens arbeiten. Da geht man nicht gern ins Bett. Man weiß es ganz genau, wenn man einschläft wird unmittelbar, kurze Zeit später der Wecker klingeln und man darf sich wieder zur Maloche schleppen. Natürlich topmotiviert. Im Bewerbungsgespräch hat man schließlich damals versprochen, dass man für den Job brennen würde, dass man genau der Richtige für die Position sei. Falls ich mal selbst eine Firma haben sollte, werde ich auf solche verlogenden Gespräche verzichten und mir stattdessen von den Leuten zeigen lassen, „was sie schon so gemacht haben“ und sie dann einstellen. Viel effektiver.

Unsere Tochter hat es da besser. Sie guckt noch keinen Spätfilm, sie interessiert sich nur für ihre quietschende kleine Giraffe, für die Geräusche von Mama und für die Grimassen von Papa. Und für Oma und Opa, die uns am Wochenende besucht haben. Ein weiterer Vorteil: Sie kann ausschlafen, sie muss nicht ins Büro. Kein Mensch verlangt von ihr, dass sie etwas zum Haushaltsnetto beiträgt. Vielleicht ist das der Grund warum sie durchschläft und zwar von Anfang an. Es ist sicher auch der Grund warum sie sich ins Bett legen lässt und unmittelbar einschläft. Alleine und im Dunkeln – Mama und Papa können also ganz gemütlich das ZDF-Montagskino glotzen.

Und wer steht schon gerne auf? Die Augen noch schlafverklebt, die Beine müde und im Traum gerade noch auf den Malediven, soll man sich ins noch dunkle Bad begeben und warten bis das Duschwasser endlich warm genug ist, damit man keinen Kaltstart in den Tag erwischt. Für unsere Tochter ist das Aufstehen kein Problem. Morgens, wenn ich gegen acht Uhr so langsam zur Arbeit aufbrechen muss, kriegt sie ihr erstes Fläschchen. Papa muss das Blümchen dann wecken. Selbstverständlich geht das ganz ohne nervtötendes Geschrei. Da wird sich ein bisschen gestreckt, ein wenig gegrunzt und dann hat das herzallerliebste Mädchen ihre Milchflasche auch schon in der süßen Schnute. Normalerweise wird jetzt getrunken ohne auch nur die Augen aufzumachen – und das nach etwa zehn Stunden Schlaf am Stück. Wenn die Flasche fast leer ist, bedankt die Kleine sich mit einem müden Lächeln, macht ihr Morgengeschäft in die Windel und lässt sich ohne Geschrei wickeln und danach nochmals ins Bett gelegt. Meist ist sie jetzt wach, doch statt Mama, die noch in Elternzeit ist und zuhause bleiben darf, mit Geschrei zu ärgern, wird fleißig Stimmchen geprobt und etwas Strampelgymnastik gemacht. Bis zum zweiten, dem Elf-Uhr-Fläschchen.

Wenn Papa nach Hause kommt wird er mit einem breitem Lächeln begrüßt und darf wieder ein warme, befriedigende Mahlzeit servieren und wird danach mit Lachen und Stimmchen belohnt.

Wir hören so viele Geschichten von Leuten, die kaum noch zur Ruhe kommen als junge Eltern. Beim Einen schreien sich kleine Babys einen Leistenbruch, beim nächsten ist der Tag eine Tortour. Wieder jemand anderes hat seit Tagen kaum geschlafen.

Gestern haben wir das Jenke-Experiment bei RTL geguckt. Jenke hat sich selbst übermäßigem Stress ausgesetzt, um irgendwann ein Burnout zu stimulieren. Dem Armen wurde ein Baby simuliert, dass permanent und die ganze Nacht geschrien hat. Lieber Jenke, das muss nicht sein.

Liebe Eltern und liebe Gesellschaft: Es tut uns leid. Meine Frau und ich müssen uns wirklich entschuldigen. Wir schlafen jede Nacht durch. Unser Kind ist unproblematisch und wir haben sogar noch Zeit für uns. Ich weiß, ihr habt etwas anderes erwartet. Bitte nicht neidisch sein. Trotzdem werden wir bei einem eventuellen Geschwisterchen wieder versuchen ein Anfänger-Baby zu produzieren. Ach ja, falls jemand „auf den Geschmack“ kommen will, ihr seid immer herzlich eingeladen.

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4 Gedanken zu “Wir haben ein schlechtes Gewissen

  1. Smile, also wir haben 4 solche Töchter! Dafür sind die Trotzphasen umso intensiver, und das davonrennen im Laden, und die so absolut grundehrlichen Kommentare im Tram. Es gibt sie tatsächlich, solche Schokobabies wie sie von meiner Nachbarin genannt wurden. Freut euch doch!

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  2. Da hast du aber wirklich eine Traumtochter! Meine Nichte hat anfangs auch durchgeschlafen und erst mit einem halben Jahr dann nachts Theater gemacht… Ich bin schon auf unseren Wurm gespannt. Aber ich denke, dass es egal ist ob unruhig und krawallig oder durchschlafend und permanent gut gelaunt, es wird schon irgendwie klappen.😉

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